In der Nachhilfe kommt es häufig zu Situationen, in denen man unangenehme Wahrheiten möglichst sensibel und professionell ansprechen muss. Um Eltern nicht vor den Kopf zu stoßen oder ihre Kinder bloß zustellen, sollte man einige Verhaltensregeln beherzigen, die eine Konfliktlösung erleichtern und das Gespräch auf einer sachlich-neutralen Ebene halten:
- sich Zeit nehmen:
Konfliktgespräche brauchen Zeit. Nichts ist unangenehmer als wenn jemand einem Vorwürfe macht und man anschließend keine Gelegenheit hat, dazu Stellung zu nehmen. Deswegen sollte man, wenn man es eilig hat, sich lieber vornehmen, ein leidiges Thema erst beim nächsten Mal ansprechen. Oder aber man hält es für so wichtig, dass man sich entsprechend Zeit dafür freiräumt. Auch in Bezug auf eigene Erwartungshaltungen sollte man sein Gegenüber nicht unter Druck setzen. In der Nachhilfe sollte man stets ein Dienstleistungsangebot sehen. Wenn gut gemeinte Ratschläge nicht angenommen werden, muss man das akzeptieren. Als Außenstehender wird man schnell missverstanden, wenn man sich kurz mit den Schulproblemen eines Nachhilfeschülers vertraut macht und dann prompt eine Musterlösung parat hat, so nach dem Motto: „Das ist ja alles ganz einfach. Du müsstest nur blabla…“
- authentisch bleiben:
Wenn man behauptet, eine Frage sei wichtig und müsse dringend geklärt werden, sollte man auch nonverbal Interesse und Kommunikationsbereitschaft signalisieren. Also: Hände aus den Taschen, aber bitte auch nicht die Arme vor der Brust verschränken, sondern am besten eine offene, zugewandte Körperhaltung einnehmen. Dem Gegenüber ins Gesicht sehen. Blickkontakt standhalten. Aufmerksam zuhören. Ruhig sitzen oder stehen bleiben. Nicht mit irgendetwas rumspielen oder zur Uhr schielen. Auch die Mimik und Stimmlage sollten mit dem Gesagten übereinstimmen: Es ist gar nicht so einfach, die Stimme ruhig zu halten, wenn man sich innerlich über etwas aufregt. Auch wenn es Überwindung kostet, sollte man nicht laut oder schrill werden und einen gelangweilten oder genervten Gesichtsausdruck vermeiden.
- aktiv zuhören:
Nicht nur in der Rhetorik, der Redekunst, sondern auch beim Zuhören ist es wichtig, „peinliche“ Pausen auszuhalten. Vielen Menschen ist eine plötzlich eintretende Stille unangenehm und sie versuchen, das Schweigen mit Small Talk oder Übersprunghandlungen zu überbrücken. Für Gespräche über ernsthafte Themen sind solche Lückenfüller jedoch tödlich: Statt mit oberflächlichen Bemerkungen vom eigentlichen Thema abzulenken, sollte man dem Gegenüber lieber die Zeit lassen, seine Gedanken und Emotionen zu ordnen. Wenn eine Pause wirklich unerträglich wird, kann man das Gesagte nochmal in eigenen Worten zusammenfassen, damit der andere merkt, dass man ihn ernst nimmt und wirklich an seiner Sicht der Dinge interessiert ist. Übrigens: In einer statistischen Untersuchung wurde festgestellt, dass ein Gesprächspartner allgemein als intelligenter, sympatischer und menschlich interessanter eingeschätzt wurde, wenn er einen etwas geringeren Redeanteil einnahm als die Testperson. Wortgewandtheit, Schlagfertigkeit und Äußerlichkeiten des Gesprächspartners trugen bei Weitem nicht so stark zu einem positiven Gesamteindruck bei, wie die Testpersonen in einer Voreinschätzung angenommen hatten. Die Fähigkeit aktiv zuzuhören, war dagegen vorab erheblich unterschätzt worden.
- für sich selbst sprechen:
Um zu vermeiden, dass der Schüler oder die Eltern sich persönlich angegriffen fühlen, kann man das Problem nicht als Vorwurf in der Du-Form, sondern neutral in der Man-Form oder noch besser als eigene Meinung in der Ich-Form schildern:
Nicht: “In diesem Chaos kannst du dich ja gar nicht konzentrieren.” “Merken Sie denn nicht, dass Sie Ihren Sohn ablenken, wenn Sie ständig stören?”
Sondern: “Ich finde, in diesem Chaos kann man sich nicht gut konzentrieren.” “Wenn ich dauernd unterbrochen werde, komme ich jedes Mal aus dem Konzept.”
- Vermutungen als Fragen formulieren:
Es wirkt schnell arrogant, wenn man anfängt, das Erziehungsverhalten der Eltern zu analysieren, gerade wenn man selbst noch jünger ist und keine eigenen Kinder hat. Deswegen sollte man sich mit Interpretationen zurück halten. Stattdessen kann man offene Fragen stellen, d.h. keine rhetorischen Fragen, die eine mögliche Antwort schon vorwegnehmen. Anschließend sollte man den Eltern entsprechend die Möglichkeit lassen, ihren Standpunkt deutlich zu machen und sich die Antwort anhören ohne ins Wort zu fallen.
Nicht: „Sie lassen Ihren beruflichen Frust an Ihrer Tochter aus.“ oder „Kann es sein, dass Sie eigene Kindheitsträume durch Ihren Sohn nachträglich verwirklichen wollen?“
Sondern: „Weshalb glauben Sie, dass Sie genervt auf Schulprobleme Ihrer Tochter reagieren?“ „Wenn Ihrem Sohn das Gitarre spielen keinen Spaß macht, wieso sagen Sie es dann nicht ab?“
- eigenes Verhalten erklären:
Kein Mensch ist unfehlbar. Deswegen sollte man auch selber, wenn man mal einen schlechten Tag hat, dem Nachhilfeschüler und seinen Eltern gegenüber klar machen, dass es einem leid tut und die schlechte Laune nichts mit ihnen zu tun hat:
z.B. „Entschuldigen Sie, dass ich heute nicht viel Zeit habe. Ich stecke grade mitten im Prüfungsstress.“
Was man vermeiden sollte:
Lästern: Auf keinen Fall sollte man mit anderen über Probleme in der Nachhilfe sprechen. Wenn man sich wirklich etwas vom Herzen reden muss, sollte man zumindest keine Namen nennen und auch keine näheren Angaben machen, die auf konkrete Personen schließen lassen. (Überhaupt sollte Diskretion in der Nachhilfe selbstverständlich sein. Vielen Leuten ist es sehr unangenehm, dass sie bzw. dass ihre Kinder Nachhilfe nehmen.)
Beleidigen: Persönliche Schuldzuweisungen bringen keinen weiter. Im schlimmsten Fall lassen wütende Eltern ihren Frust über den Nachhilfelehrer an ihren Kindern aus. Wenn man merkt, dass man gleich die Geduld verliert, sollte man das Gespräch lieber abbrechen, solange man sich noch zusammenreißen kann.
Verallgemeinern: Die Wörter „immer“, „nie“, „ständig“ oder „dauernd“ können einer sachlichen Diskussion nur schaden.
Mein Kompliment für diese sehr guten Artikel über Nachhilfe!
Thematisch geordnet, klar strukturiert, inhaltlich exzellent, hervorragender Schreibstil.
Gesamtnote: 1
Setzen!
Best regards,
Revilo
Kommentar von Revilo — November 8, 2007 @ 1:00 |
Danke!
Kommentar von Lea — November 8, 2007 @ 11:14 |