Forum für Nachhilfelehrer, Schüler und Eltern

September 1, 2007

Nachhilfe um von einer 2 auf eine 1 zu kommen?

Gespeichert unter: Heiße Eisen — leaboos @ 1:22

In unserer Leistungsgesellschaft hängt die persönliche Zukunft stark von Schulnoten ab. Daher machen sich viele Eltern schon bei kleinsten Leistungseinbrüchen ihrer Kinder Sorgen, stellen absurde Erwartungshaltungen an sie oder definieren sich selbst zu stark über das schulische Fortkommen ihrer Kinder.

Im Extremfall kann dieser gutgemeinte, aber übertriebene elterliche Ehrgeiz dazu führen, dass ein Nachhilfelehrer engagiert wird, obwohl die Noten noch im befriedigenden bis guten Bereich rangieren. Wer als Nachhilfelehrer einen solchen Job annimmt, kann zwar möglicherweise viel Lebenserfahrung mitnehmen, sollte sich aber auf eine anstrengende Zeit gefasst machen:

- besserwisserische Kritik: Oft würden die Eltern ihren Kindern am liebsten selbst weiter helfen, haben aber aus zeitlichen oder persönlichen Gründen nicht die Möglichkeit. Dies hält sie jedoch erfahrungsgemäß nicht davon ab, den Lehrstil des Nachhilfelehrers unentwegt zu in Frage zu stellen oder übertriebene Anforderungen an seine Sachkompetenz zu stellen.

In diesem Fall darf man sich nicht beirren lassen. Unangemessener Kritik kann man den Wind aus den Segeln nehmen, indem man sich freundlich für die Ratschläge bedankt und verspricht, sie künftig zu berücksichtigen. Meistens lohnt es sich nicht, eine Diskussion über Sinn und Unsinn bestimmter Lehrmethoden vom Zaun zu brechen. Man kann schon durchblicken lassen, dass man sich bei seiner Vorgehensweise etwas gedacht hat, aber wenn es zu wissenschaftlich wird, sollte man sich defensiv verhalten und höflich auf die fortgeschrittene Zeit hinweisen.

- unrealistische Erwartungshaltungen: Ganz nebenbei: Der Unterschied zwischen einer 2+ und einer 1- ist so minimal, dass es keinem Nachhilfelehrer gelingen wird, bei einem so leistungsstarken Schüler noch einen merklichen Effekt herbeizuführen. Aber auch sonst rentiert sich Nachhilfe in der Regel erst längerfristig und oft besteht der positive Effekt leider nur darin, dass sich die Schulleistungen nicht noch weiter verschlechtern, sondern auf einem leistungsschwachen Level gehalten werden können.

Hier sollte man die falschen Hoffnungen nicht noch bestärken, sondern realistische Angaben machen, was machbar ist und was dem Zufall überlassen bleibt. Wenn man letzten Endes trotzdem die Schuld in die Schuhe geschoben bekommt, sollte man sich für den Nachhilfeschüler freuen, dass seine Eltern so große Stücke auf ihn halten und kann sich getrost in die Rolle des Buh-Manns fügen: Solange man ordentlich bezahlt wird, ist es doch besser, die Eltern haben endlich einen Sündenbock gefunden als dass sie weiter auf ihrem Kind herumhacken.

- Motivation des Nachhilfeschülers: Wenn den Schülern bewusst ist, dass ihre Nachhilfe eigentlich völlig überflüssig ist, neigen sie zu zwei Extremen: Die einen reagieren mit vollkommenem Desinteresse, sagen bei jedem Vorschlag „kann ich schon“ oder „brauch ich nicht“ und behandeln einen mit offen gezeigter Abneigung. Die anderen freuen sich über einen geduldigen und verständnisvollen Zuhörer, vor dem sie unverhohlen mit ihren Schulleistungen prahlen oder ihn mit ihrem Wissen verblüffen können.

In beiden Fällen muss man wohl oder übel vom herkömmlichen Nachhilfekonzept abweichen. Um demotivierte Schüler dennoch zu begeistern, sollte man versuchen so sehr wie möglich auf ihre Interessen einzugehen. Dabei darf man sich aber nicht um den Finger wickeln lassen: In irgendeiner Form muss der Nachhilfeunterricht stattfinden, sei es spielerisch oder streng diszipliniert. Denn wenn die Eltern mitkriegen, dass man die ganze Zeit nur gequascht hat, verliert man seinen Anspruch auf die vereinbarte Bezahlung. Mit übermotivierten Schülern zu arbeiten, ist wesentlich angenehmer: Man sollte versuchen ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie auch unabhängig von ihren Schulleistungen liebenswerte Menschen sind und das auch leistungsschwächere Mitschüler ihnen in anderen Dingen womöglich überlegen sind, bzw. dass sie auch von diesen noch etwas lernen können.

- eigene Interessen nicht vernachlässigen: Viele Eltern und Schüler, die ihr Leben stark leistungsorientiert ausgerichtet haben, neigen dazu, in einem Nachhilfelehrer eine Art Gouvernante zu sehen: Ihrer Meinung nach hat er ein vorbildliches Leben zu führen, stets abrufbereit zu sein, die Eltern nicht anzuzweifeln und im Zweifel seine eigene Ausbildung und sein Privatleben dem Terminplan des Nachhilfeschülers zu unterwerfen.

Darauf sollte man sich keinesfalls einlassen: Geld verdienen ist die eine Sache, dafür sein ganzes Leben umzustellen eine andere. Wenn man auf das Geld nicht angewiesen ist, sollte man so ehrlich sein, den Eltern zu erklären, dass ihr Kind keine Nachhilfe braucht und die Nachhilfe es schulisch nicht weiter bringen wird. Dass es ihrem Kind besser täte, seine Freizeit nicht mit einem so unnützen Termin zu verschwenden, sondern statt dessen in einem Sportverein, einer Musikschule, etc. mitzumachen. Und dass Noten eben nicht alles im Leben sind…

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