Dieses Thema ist wohl für den Nachhilfelehrer, wie für die Eltern gleichermaßen unangenehm:
Wieviel kostet eigentlich eine Nachhilfestunde?
Bei einer Internet-Recherche kommt man leider auch nicht viel weiter: Die Spanne recht von 5 € – 50 € für eine Unterrichtseinheit, die wiederrum von 45 min – 120 min variieren kann.
Welche Berechnungsgrundlage lässt sich also vernünftigerweise für das Nachhilfeentgelt zu Grunde legen? Und wie handelt man diese dann auch aus?
Zunächst einmal eine grundsätzliche Warnung vor “Preisdumping”:
Wenn ihr jemandem aus euer Verwandschaft oder Nachbarschaft einen “Freundschaftspreis” anbieten wollt, dann gebt ihm lieber ein paar Gratisstunden als einen verbilligten „Standardpreis“. Natürlich muss letzten Endes jeder selbst entscheiden, zu welchem Preis er arbeitet.
Allerdings vergessen viele, dass es immer mehr Leute gibt, für die Nachhilfe nicht ein Zuverdienst, sondern ein Haupterwerb oder zumindestens ein zweites Standbein neben Bafög oder Ausbildungsvergütung etc. ist. In dieser Situation ist es natürlich höchst unerfreulich, wenn die Konkurrenz Nachhilfe für ein paar Euro anbietet, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass ihre Arbeit eigentlich viel mehr wert ist.
Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass man insgesamt ernster genommen und mit mehr Respekt behandelt wird, wenn man einen angemessenen Preis fordert.
Deswegen hier ein paar Anhaltspunkte, an denen sich eine für beide Seiten akzeptable Vergütung orientieren sollte:
- Wieviel Vorbereitung ist notwendig?
Je nach Fach und Jahrgangsstufe kann das ganz schön zeitintensiv sein. Wenn man Aufgaben aus dem Buch machen kann, fällt dies natürlich weg. Aber bei eigenen Arbeitsblättern gilt: 1 Std Unterricht = 1 Stunde Vorbereitung
- Wie lang ist der Anfahrtsweg? Welche Fahrtkosten ggf. fallen an?
“Ich kriege ja von meinem Chef auch nicht die Anfahrt bezahlt!” ??? – Das stimmt wohl, aber bei einem 8-Stunden-Tag fällt die Fahrtzeit auch weniger ins Gewicht als bei einer Unterrichtseinheit von vielleicht nur 45 min. Außerdem sparen die Eltern auch selbst Geld und Zeit, wenn die Nachhilfe bei ihnen zu Hause stattfindet und sie ihre Kinder nicht zu diesem Termin hinfahren müssen. Das ist natürlich umgekehrt auch zu berücksichtigen, wenn die Nachhilfe beim Lehrer zu Hause stattfindet.
- Wie gefragt ist Nachhilfe der Region/ in diesem Fach?
In manchen Fächern sind einfach weniger gute Nachhilfelehrer zu finden als in anderen. Das mag von Region zu Region unterschiedlich sein. Allgemein lässt sich wohl sagen, dass es weniger Lehrer für Naturwissenschaften (außer Mathe) und Fremdsprachen (außer Englisch) gibt. Allerdings werden diese Fächer auch seltener von Schülern nachgefragt. Außerdem gibt es in Großstädten und Uni-Standorten selbstredend mehr Nachhilfeangebote als in der Provinz.
- Wie hoch ist die eigene Qualifikation?
Klar: Ein Abiturient darf (und sollte auch!) mehr nehmen als jemand, der selbst noch zur Schule geht. Als Leistungskursler oder als Lehramtstudent kann man mehr verlangen als jemand im Grundkurs oder mit einer ganz anderen Fachrichtung. Auch jemand der schon länger Nachhilfe gibt, sollte darauf achten, dass er nicht bei seinen Einstiegspreisen hängen bleibt. (Man erwirbt mit der Zeit ja mehr didaktische Erfahrung.) Allerdings ist es auch wieder problematisch, bei einem Schüler, den man mehrere Jahre unterrichtet, den Preis zu erhöhen.
- Wie hoch ist das Anforderungsniveau des Schülers?
Eine Förderung der Lese- & Rechtschreibkompetenz in der Grundschule erfordert weniger Fachqualifikation als eine Unterstützung in der Abivorbereitung oder akademische Nachhilfe. Deswegen kann man dafür auch nicht denselben Preis verlangen. Allerdings können gerade jüngere Schüler oft in anderer Hinsicht eine überaus anstrengende Herausforderung sein…
- Wie oft und wie häufig soll die Nachhilfe stattfinden?
Wenn von vorneherein klar ist, dass die Nachhilfe auf längere Zeit ausgelegt ist oder in der Woche mehr als eine Stunde stattfinden soll, kann man ruhig eine Art “Rabatt” nachlassen. Allerdings sind gerade Eltern, die am liebsten 5x die Woche Nachhilfetermine vereinbaren würden, oft diejenigen, die einen erst zäh runterhandeln, einem dann bis ins Kleinste vorschreiben, wie man seinen Unterricht gestalten soll und anschließend doch lieber ein teures Nachhilfeinstitut beauftragen, weil dort die Qualität besser gewährleistet sei…
- Was können sich die Eltern leisten bzw. nicht mehr leisten?
Dieser Aspekt darf sicherlich nicht völlig außen vor bleiben, allerdings sollte er auch nicht überbewertet werden. Klar kann man seinen eigenen “Standardpreis” etwas nach oben oder nach unten korrigieren, wenn man merkt, dass die Eltern es sich leisten können oder dass sie aus Kostengründen demnächst vielleicht kündigen wollen. Allerdings sollte man dann auch tatsächlich dieselbe Leistung bringen und nicht in eine psychologische Falle tappen: “Jetzt arbeite ich halt nur noch für 3/4 des bisherigen Preises.” Die Eltern bezahlen schließlich beim Frisör auch nicht mehr oder weniger, nur weil sie ärmer oder reicher sind.
Anhand dieser Grundlagen sollte sich also eine angemessene Bezahlung ermitteln lassen.
Jetzt heißt es verhandeln.
Am besten lässt man sich nicht schon am Telefon auf einen festen Preis festlegen, sondern spricht erst einmal die Erwartungen und sonstigen Bedingungen mit Eltern und mit dem Schüler ab. In der Verhandlung hilft es in der Regel, wenn man den Eltern sachlich erklärt, welche eigenen Unkosten man ggf. für Materialien, Sprit, Bustickets, etc. hat. Auch die oben genannten Berechnungsgrundlagen sollte man ruhig offen legen, damit die Eltern merken, dass man sie nicht “abzocken” will, sondern tatsächlich im Endeffekt ein weitaus niedrigeren Stundenlohn “rausbekommt” als sie brutto bezahlen.
Erfahrungsgemäß haben die Eltern oft sogar höhere Preisvorstellungen als man selber. Schließlich wollen sie für ihr Kind das Beste – dementsprechend sollten sie dann auch bereit sein, einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen. Im Zweifel kommt es natürlich darauf an, wie dringend man selber das Geld braucht. Aber bevor man sich nur halbherzig auf eine Abmachung einlässt, sollte man lieber über Alternativen nachdenken, bei denen man vielleicht einen etwas niedrigeren Stundenlohn bekommt, aber dafür geregelte Arbeitszeiten und eine relativ feste und zuverlässige Einkommensquelle hat- denn das ist bei der Nachhilfe sicherlich nicht der Fall.